KURT WEBER
Wie wirklich ist meine Wirklichkeit.
Um das rauszufinden sollten wir vielleicht erst einmal alles vergessen, was man uns alles so beigebracht hat.
Über die Welt. Über das Leben. Über uns selbst. Auch die Antworten, die wir inzwischen so selbstverständlich für unsere eigenen halten. Sie einmal beiseitelegen und schauen, was sich zeigt.
Lass mich sehen.
Diese Bitte begleitet meine Suche. Ich möchte erkennen, was unter all den Vorstellungen liegt. Unter dem, was wir gelernt haben, unter dem, was wir glauben müssen, um dazuzugehören. Auch unter dem Bild der Person, die wir meinen zu sein. Was davon entspricht unserem eigenen Wesen? Und wie können wir das erfahren, solange uns das Bekannte vorgibt, was wir überhaupt wahrnehmen dürfen?
Natürlich gibt uns dieses Bekannte Halt. Darin liegt die Kraft unserer Systeme. Sie erklären die Welt, weisen uns einen Platz zu, sagen uns, was richtig ist. Wo uns der eigene Halt fehlt, können wir uns an ihnen festhalten. Wir wissen, woran wir sind. Zumindest glauben wir das.
Dann beginnen wir vielleicht, uns daraus zu lösen. Wir wollen frei sein. Selbst bestimmen. Unseren eigenen Weg gehen. Und schon stehen die nächsten Angebote bereit. Diesmal versprechen sie Freiheit. Eine neue Lehre, eine neue Gemeinschaft, eine Methode, mit der wir endlich zu uns selbst finden sollen. Wieder gibt es Antworten. Wieder einen Weg, den jemand für uns kennt.
Die Freiheit hat jetzt ein System. Merkwürdig, oder?
Genau dort möchte ich hinsehen. Ich möchte diese Systeme auseinandernehmen, bis sichtbar wird, worauf sie beruhen und woran sie uns binden. Auch die spirituellen. Auch jene, in denen ich mich selbst wohlfühle. Gerade dort kann es unbequem werden. Denn mit einer Überzeugung gebe ich womöglich etwas auf, das mich lange getragen hat.
Für mich gehören deshalb zwei Sätze untrennbar zusammen:
Der Weg in die Spiritualität ist ein anarchistischer.
Der Weg in die Anarchie ist ein spiritueller.
Wie könnte ich meinem Ursprung begegnen, wenn ich einer fremden Instanz überlasse, was ich darin erkennen darf? Und wie weit reicht meine Freiheit, wenn nach dem Abschütteln äußerer Herrschaft dieselben Ängste und Abhängigkeiten mein Leben weiterführen?
Was ich suche, ist meine authentische Wahrheit. Und dafür muss ich auch bereit sein, meine eigenen ach so tollen Erklärungen wieder loszulassen. Sie können mir zwar etwas erschließen. Festhalten können sie das Leben nicht.
Tja, und immer wieder lande ich dann doch bei Platon und seinem Höhlengleichnis. Menschen sitzen in einer Höhle, sehen Schatten an der Wand und halten sie für die Wirklichkeit. Wie viel von dem, was wir zu wissen glauben, sind solche Schatten? Man kann uns darauf aufmerksam machen. Aber hinausgehen müssen wir selbst. Auch die schönste Beschreibung des Lichts nimmt uns diesen Schritt nicht ab.
Wohin führt er? Mein Denken und Suchen führen mich zu einem geistigen Ursprung. Zu der Vorstellung, dass wir in unserer Verschiedenheit Ausdruck eines gemeinsamen Grundes sind. Ich nenne ihn Liebe. Aus ihm nehmen wir Gestalt an, erfahren uns, begegnen einander. Wir können uns für getrennt halten und unseren Ursprung vergessen. Doch auch dann leben wir aus ihm. Die Einheit muss nicht erst hergestellt werden. Sie kann wiedererkannt werden.
Darin bleibt Raum für unsere ganze Verschiedenheit. Für Widerspruch, Reibung, ein leidenschaftliches Gegeneinander, das uns weiterbringt. Spaltung jedoch beginnt dort, wo das Gegenüber seine Berechtigung verlieren soll. Wo ich es unterwerfen muss, damit meine Welt bestehen bleibt. Das kann im Namen der Ordnung geschehen. Ebenso im Namen der Freiheit oder der Liebe.
Auch deshalb ist diese Suche persönlich. Ich stehe ja noch selbst in dem, was ich betrachte. Mit meinen Erfahrungen, meinen inneren Mitspielern, meiner Schöpferkraft und meiner Verantwortung. Die Rolle des erfolgreichen Filmproduzenten liegt lange hinter mir. Die Frage nach dem, was durch mich Ausdruck finden will, bleibt offen.
Malerei, Bilder, Filme, Gedanken, schreiben - all das gehört dazu. Sie entstehen aus einer Suche, die sich im Leben fortsetzt und sich durch Begegnung verändert. Auch durch Widerspruch. Ich möchte Dir darin Raum lassen, selbst zu erkennen.
Lass mich sehen.
Lebe als eigenständiger Ausdruck der Einheit, ohne dich selbst zum Ursprung zu erklären.
